Schon vor dem Treffen mit den Alumins der Meji-Universität hat uns Doi, welcher Stadtrat von Saitama ist, angekündigt, dass er uns eine Tagestour organisiert habe; alles durchdacht und durchgetacktet. Da er selbst nur 2-3 Worte englisch spricht, war Louise als Dolmetscherin unerlässlich. Und so fuhren wir denn mir einem Kleinbus, den er für diesen Anlass gemietet hatte, pünktlich los.

Saitama ist die Präfektur nördlich angrenzend an Tokyo. Die Präfektur umfasst rund 7 mio EinwohnerInnen, die Stadt Saitama selbst eine gute Million.

Begonnen hat die Tour mit der Besichtigung von alten Häusern, welche noch gut erhalten sind, eine Art Freilichtmuseum.

 

Anschliessend haben wir ein Puppenmuseum besucht https://de.wikipedia.org/wiki/Hina-Matsuri,  da Saitama das Zentrum der Herstellung dieser Puppen war und ist. Heute verliert die individualisierte Produktion leider je länger je mehr an Bedeutung, da der Preis der Handfertigungen auch in Japan seinen Preis hat (Chinaware lässt grüssen).

Diese Puppen waren keineswegs als Spielzeuge gedacht, sondern werden am Mädchentag, also nur einen Tag im Jahr aufgestellt und stellen in der Regel das Kaiserpaar statt. Wenn eine Familie etwas auf sich hält, hat sie den ganzen Hofstaat mit dazu. Sie werden sorgfältig aufbewahrt und von Generation zu Generation über die weibliche Linie weitervererbt.

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Nach dem Besuch dieses Museums sind wir eine weitere Exklusivität Saitams anschauen gegangen, resp. hingefahren, denn die Ausdehnung Saitams ist riesig und von einem Ort fuhren wir ca 20 bis 30 min. Präziser gesagt: wir wurden von unserem Gastgeber chauffiert.

Bonsai-Museum

Der nächste Stopp war das Bonsai-Museum.

Hier konnten wir Prachtsstücke bewundern, welche zwischen 150-500 Jahre alt sind.

Wie uns ein englischer Kurator erklärte, werden alle einzelnen Objekte täglich gehegt und gepflegt. Ihr Wert ist unschätzbar und alle einzelnen Objekte unersetzbar, etwa so wie bei uns ein Bild von Van Gogh oder Picasso. Interessierte aus der ganzen Welt kommen um diese Objekte zu bewundern und die Kunst der Pflege, Formgebung und  Entwicklung dieser Kleinstbäume zu lernen.

Wie dies im konkreten aussieht konnten wir am nächsten Pumkt unserer Exkursion bewundern.

Eine der wenigen Pflanzschulen, welche mehrere hundert Bonsai besitzt und sich ebenfalls in Saitama befindet, war bereit uns zu empfangen. Die Verantwortliche (Besitzerin?) zeigte uns ihre besonderen Exemplare, die alle käuflich sind. Sie erklärte uns, die Schwierigkeiten mit diesen Kleinstbäumen, insbesondere bei grosser Trockenheit. Da der Wurzelballen sehr klein ist, ist die Gefahr der Austrocknung eine der grössten Herausforderungen.

Die Fotgrafien stammen aus dem Museum, in der privaten Bonsaischule war der Fotografieren verboten.

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Weiter ging die Fahrt zum nächsten Highlight. Denn noch über eine ausserordentliche Sehenswürdigkeit verfügt Saitama: der Musashi-Ichinomiya-Hikawa-Schrein. Schon vor 2400 Jahren wurde er erwähnt und ist somit einer der ältesten (wohl mehrmals wieder aufgebauten) und höchstrangigen Schreine Japans. Natürlich haben wir hier, wie schon in anderen Schreinen, eine 5Yen-Münze in den dafür vorgesehenen Kasten geworfen, um Glück gebittet und zweimal laut geklatscht, damit die Götter es auch hören und unsere Wünsche berücksichtigen. Und dann gehört natürlich das ehrerbietende Verneigen dazu.

 

Den Abschluss der Reise bildete das Nachtessen in einem Restaurant, welches auf das Zubereiten von Aal spezialisiert ist. 

Wir bekamen Aal in unterschiedlichen Varianten zu kosten, wobei Sake und gute Stimmung nicht fehlen durfte.

 

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Figugegl (=Fondue isch guet und gitt e gueti Luune)

An einem der folgenden Abende haben wir mit der Hausbesitzerfamilie von Louise Wohnung Fondue gegessen, welches wir eigens für sie aus der Schweiz mitgebracht hatten. (Sie sind begeisterte KäseesserInnen, wenn auch in Massen, da sie Käse, wie viele AsiatInnen, nicht sonderlich gut verdauen).

Mit dazu hatten sie einen Freund der Familie, welcher etwas deutsch spricht, eingeladen. Somit fand die Konversation auf japanisch, französisch, englisch und deutsch statt; ein vergnügliches Durcheinander mit lautmalerischen Geräuschen und pantomimischen Gesten untermalt – irgendwie verstanden alle irgendetwas und das Fondue mit japanischem Einschlag (nebst Brot tunkten wir auch Brokkoli und Kartoffeln in die Käsesuppe, denn Brot ist den JapanerInnen doch etwas fremd) schmeckte lecker!

 

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Odon
Zwei Tage später dann der Besuch bei einer Freundin von Louise um ihrer beiden Geburtstage zu feiern. Die Hin-und Rückfahrt zu ihrem Haus am Rand der Stadt beansprucht mit dem Schnellzug gut und gerne eine Stunde und drei mal umsteigen.

Die Familie kannten wir bereits von unserer letzten Japanreise, so dass es ein herzliches Wiedersehen war.

Da Saki und ihr Partner beide leidenschaftliche Köche sind, haben sie uns ein ganz spezielles Gericht gekocht. Es heisst Oden und ist ein Herbst-Wintergericht.

Wir würden es vielleicht mit einem Pot-au-feu vergleichen. 

Der grosse Unterschied besteht aber darin, dass es aus und mit verschiedenen Fischen oder Fischderivaten (Chikuwa) gekocht wird, ausserdem gehört noch eine spezielle weisse Rettichsorte, Algen, Tofu, Konnyaku (Yam-artige Pflanze) und ein hartes Ei dazu und, damit es ganz lecker wird, sollte es mindestens 48h bei 200 Grad kochen.

 

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Auch hier wieder ein Sammelsurium von Sprachen, allerdings spricht Saki (Freundin von Louise) perfekt französich und ihr Partner sehr gut englisch. Einzig die Eltern Sakis sprechen ausschliesslich japanisch, aber auch hier hilft Sake und Pantomime über etwelche Pannen hinweg.

 

Und schon wieder mehrere Gründe zu feiern!

Am Tag vor Louises Geburtstag, also am 05.11. hat uns die frohe Botschaft aus der Schweiz erreicht. Wir sind zum zweiten Mal Grosseltern geworden. Unsere neue herzige Enkelin heisst Marielle Zoé, ist rund und gesund und hat einen dichten schwarzen Haarschopf :-) 

Am Tag darauf, also gestern, folgte dann der 30.te Geburtstag von Louise.

Hafen und Hafenrundfahrt

Nach einem leckeren Brunch haben wir das Hafenareal und die neuen Stadtquartiere besucht.

Mit einem der Linienboote sind wir am Olympiadorf und den Wettkampfstätten vorgefahren, bezw danach spaziert
Das Olympiadorf wurde auf einer der neuen Inseln erstellt und wird heute als neues Wohnquartier genutzt. Mittlerweile ist die Bucht von Tokyo schon beachtlich mit neuen Inseln angereichert worden. Diese werden, wie an anderen Orten in Japan auch, aus Abfallprodukten erstellt und dienen so der Landgewinnung an zentralen Standorten.

 Tokyobay im Jahr 1919, Foto 2: 1949 und Foto 3: 2019 (Stadtpläne via Louise erhalten, sie hat sie in den selben Massstab gebracht)

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Eindrücklich zu sehen war, dass das Konzept der neuen Wohnquartiere sich gut bewährt und ebenso die Umnutzung von einigen Sporthallen gut gelungen ist (dies war das Forschungsthema von Louise anlässlich ihrer Masterarbeit und der Ausgangspunkt ihres langandauernden Japanaufenthalts).

 

Erdbeben und Erdbebenprävention

Da während unseres Fondueessens ein mittelschweres Erbeben stattfand, wollten wir doch auch den Austellungsraum zur Erbebenprävention besuchen.

(Mittelschwer bedeutet, dass das Haus wackelt und Geräusche vernehmenbar sind, aber noch keine Bücher aus den Regalen fallen. Diese Stärke gehört zum monatlichen Durchschnitt und löst bei JapanerInnen kaum mehr als ein“aha“ aus).

Im Ausstellungsraum wird mit Simulation und Filmmaterial früherer Erdbeben gezeigt, was ein schweres Erbeben auslöst (grösste Gefahr sind auch in Japans Städte die Brände, welche durch Gasleitungen und elektrische Kurzschlüsse ausgelöst wurden).

Interessant war zu erfahren, dass gute 70% der Todesfälle durch umgestürzte Regale und Kästen, aber auch andere herunterfallende schwere Möbelstücke und Gegenstände geschehen.

Somit wird bei der Prävention wert darauf gelegt, dass dies vermieden wird.

 

Der zweite Teil der Austellung- und Schulungsräume zeigte dann auf, wie man die ersten 72Std. überlebt. Nach diesem Zeitraum sollte die erste Krise überwunden sein, resp. das Nothilfeszenario errichtet sein.

Hier erfuhren wir unter anderem, dass sehr viele der öffentlichen Parkbänke so gebaut wurden, dass sie sich einfach in Kocheinrichtungen umbauen lassen. 

Alle öffentlichen und privaten Gebäude sind pro Raum mit Schutzhelmen und Taschenlampen ausgerüstet (auch Hotelzimmer), die Privatpersonen werden angehalten sowohl ein Rucksäckchen mit Wasser, Isolationsdecke und Dosennahrung bereitstehen zu haben, als auch generell Wasser und Nahrung für 72 Std. in ihrem Haushalt aufzubewahren.

Sodann wird einem eingetrichtert, dass man im Katastrophenfall zu Hause bleiben soll (Strassen für Notfahrzeuge freihalten), möglichst verzichten soll das Handy zu benutzten und man wird zusätzlich geschult, wie man sich ohne Wasser Toiletten und Ähnliches errichten kann.

 

Foto links: Tokyobay, Foto Mitte Ariake Arena (Olympiasporthalle, heute Multizweckhalle) https://www.takenaka.co.jp/takenaka_e/projects/museum_entertainment/a21704422019.html?param1=Area&param2=tokyo&param3=undefined , und eine weitere Halle https://architizer.com/projects/ariake-gymnastics-centre/

Foto rechts: Picknickplatz (ca 20 Zelte, eines neben dem anderen; jede Familie mietet tageweise ein Zelt, Kugelgrill, Tisch und Bänke stehen bereit, wenn gewünscht auch Staff und catering. So hat alles seine Ordnung ;-)

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Zu guter Letzt haben wir im vom Guide Michelin dekorierten Restaurant „esquisse“ in Ginza den Tag bei einem leckeren Abendessen (excellenter Mix aus japanischer und französischer Küche) ausklingen lassen.

Der Chefkoch Lionel Beccat ist ein ganz sympathischer Korse, den Louise über eine gemeinsame Fotografieaustellung kennengelernt hatte. (Sein Hobby ist die schwarz-weiss-Fotografie, namentlich seiner Gerichte).

 

Und noch wiederum ein kleiner Einschub, welcher auf meiner ganz subjektiven Beobachtung beruht

Jetzt, da die Grenzen wieder offen sind, sehen wir, die wir bald abreisen, vermehrt Westtouristen, besonders viele und häufig natürlich in den (touristisch) bekannten Quartieren wie Ginza und Shibuya oder rund um das Olympiadorf.

Es ist sehr leicht, sie schon von weitem zu erkennen.

Dazu meine folgenden Kriterien:

Wenn jemand gross, weisshaarig, ohne Maske, laut, auf der Strasse isst, trinkt oder raucht und/oder Übergewichtig ist, resp. wenn zwei dieser Kriterien erfüllt sind, kommt er/sie aus dem Westen.

Ganz auffällig ist das Laut sein und das Übergewicht.

Die JapanerInnen sind zu 95% schlank bis dünn. Als europäischer Durchschnitt ist man/frau also bereits im oberen Mittel.

 

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und zu guter Letzt noch mal etwas zur (schriftlichen) Kommunikation

Da es nicht ganz einfach ist Fachgeschäfte in Tokyo zu finden (geografische Orientierung ohne Strassenbezeichnung, etc ) oder sie einfach viel zu weit weg sind, wollte ich auf Internet etwas bestellen.

Problem Nr. 1: nicht jede Seite lässt sich einfach übersetzen.

Problem Nr. 2: falls sich die Seite übersetzen lässt kommt man schon einen Schritt weiter, aber ich muss die Adresse in Kanji eingeben, lateinische Schrift geht nicht.

Problem Nr. 3: von Louise habe ich ihren Namen und ihre Adresse in Kanjii, ich kann also Schritt für Schritt copy paste machen. Nun dachte ich, dass Problem sei gelöst... bei weitem nicht, denn das Sytem fragt mich nach "Furigana"... was zum Teufel ist Furigana?!? Da ein Name oder ein Wort auf rund 30 verschiedene Arten geschrieben werden kann, gibt es Furigana, die die Aussprache oder den Sinn des Wortes erläutern helfen.  https://de.wikipedia.org/wiki/Furigana 

Nebst den 40'000 bis 50'000 Kanjis gibt es noch ca 50 Hiragana (grammatikalischer Zweck), 50 Katagana (ausländische und neue Wörter) auch also noch die Furigana (Lesehilfe aus Hiragana und Katagana).

Problem Nr. 4 und da gebe ich endgültig auf: unsere Masterkarte wird nicht überall akzeptiert, da sie bei einzelnen Zahlungssystemen als suspekt gilt.

Der langen Rede kurzer Sinn: die japanische Schrift ist kaum erlernbar und ich habe nichts bestellt, folglich Geld gespart ;-)

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So, nun bleiben uns noch zwei Tage bis wir den langen Rückflug antreten.
Und ich verabschiede mich mit diesem Blog - bis bald in Basel, in Frankreich oder per Zoom

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